Nach meiner Landung in Chennai, noch etwas jetlagged, aber voller Vorfreude, bekam ich eine SMS von einem Freund, der schon einen Tag zuvor angekommen war: „Lust auf eine Motorradtour morgen?“ Ich war seit über zehn Jahren nicht mehr Motorrad gefahren – nicht mehr seit meinen Harley-Zeiten in Las Vegas mit Anfang zwanzig –, aber ich zögerte keine Sekunde. Ich war dabei. Ich war schon über 30 Mal in Indien, meistens beruflich. Ich bin von den Bergstationen von Ooty bis zum chaotischen Puls von Delhi gereist, von der feierlichen Morgendämmerung am Ganges bis zu den weißen Sandstränden von Goa. Aber immer nur hinten drauf. Ich dachte, ich kenne dieses Land. Falsch gedacht. An diesem Morgen, nach einem schnellen Frühstück im Hotel, trafen wir die Guides der Motorradvermietung in der Lobby. Sie begrüßten uns wie alte Freunde und brachten uns zu unseren Maschinen – meine war eine Royal Enfield Himalayan. Als ich auf den Sattel schwang, ahnte ich nicht, was mich erwartete. Wir schlängelten uns durch den Verkehr, vorbei an bekannten Sehenswürdigkeiten von Chennai. Wir hielten an Denkmälern, lauschten Geschichten aus der Kolonialzeit und von tamilischen Helden. Die Fahrt hatte ihren eigenen Rhythmus – von der besinnlichen Atmosphäre einer Basilika bis zur windgepeitschten Küste am Leuchtturm. Nach dem Mittagessen in Mahabalipuram kehrten wir auf einem Bauernhof um, wo wir ein Fischcurry-Thali, Tee und ein Kulfi zur Erfrischung genossen. Anschließend fuhren wir ein kurzes Stück zu einer Krokodilbank, wo wir zwischen den Tieren umherspazierten, während unser Mittagessen verdaut wurde. Das wahre Abenteuer waren nicht die Sehenswürdigkeiten, sondern das Fahren selbst – das Navigieren durch das wunderschöne Chaos der indischen Straßen. Ich erinnerte mich an mein erstes Mal hier vor zehn Jahren, als ich in einem Taxi zusammengesunken saß und überwältigt auf den Boden starrte. Jetzt, im Manöver zwischen Absperrungen, Bussen, Kühen, Fußgängern und Autos, die so nah waren, dass man sie hätte berühren können, fühlte ich mich selbstbestimmt. Lebendig! Wir beendeten den Tag zurück im Hotel, salzig von der Meeresbrise und verschwitzt, mit einem Lächeln auf den Wangen und einer neuen Geschichte im Gepäck. Ich habe schon unzählige Touren durchs Land unternommen, aber keine hat mich so sehr dankbar dafür gemacht, noch am Leben zu sein. Wenn du Indien jemals wirklich spüren – und nicht nur sehen – wolltest, dann erlebe es auf zwei Rädern.